Standpunkt
Honigbiene und Wildbiene: Miteinander statt Gegeneinander
Immer wieder hört man, die Honigbiene mache der Wildbiene Konkurrenz und sei mitschuldig an ihrem Rückgang. Als Berufsimker beziehen wir dazu klar Stellung – sachlich, ohne Schuldzuweisung, aber mit Erfahrung aus der täglichen Praxis.
Wir leben Naturschutz, wir reden nicht nur darüber
Wir Imker pflanzen Blühwiesen, blühende Bäume und Bienenbäume und kümmern uns das ganze Jahr um unsere Völker – denn ohne sorgfältige Pflege gäbe es weder gesunde Bienen noch Ertrag. Und wir suchen das Gespräch mit den Landwirten, klären über Pflanzenschutzmittel auf und arbeiten an Lösungen. Unser Prinzip dabei: immer ein Miteinander, nie ein Gegeneinander.
Die Realität der Landwirtschaft
Landwirtschaft denkt in großen Flächen – und große Flächen brauchen viele bestäubende Bienen. Zwei oder drei Völker eines Hobbyimkers reichen dafür schlicht nicht aus. Über 75 % unserer wichtigsten Nahrungspflanzen profitieren von tierischer Bestäubung. Diese Leistung können Wildbienen allein nicht erbringen. Eine Landwirtschaft, die über acht Milliarden Menschen ernähren muss, ist auf die Honigbiene angewiesen. Wer das kritisiert, sollte die Gegenfrage beantworten: Was ist die Alternative? Übrigens: Auch wer sich rein pflanzlich ernährt, hätte ohne Bestäubung wenig auf dem Teller.
Was die Wissenschaft (nicht) sagt
Bis heute gibt es keinen Nachweis, dass die Honigbiene die Hauptursache für den Rueckgang der Wildbienen ist. Die eigentlichen Treiber sind seit Langem bekannt: der Verlust von Lebensräumen, Monokulturen, Pflanzenschutzmittel und der Klimawandel. Es lohnt sich, die Frage zu stellen, wem es eigentlich nützt, die Diskussion auf einen vermeintlichen Konflikt zwischen Honig- und Wildbiene zu lenken – und damit von den tatsächlichen Ursachen abzulenken.
Das eigentliche Problem: Pflanzenschutzmittel und mangelnde Aufklärung
Im Gespräch mit Landwirten erleben wir immer wieder, dass sie von der Pflanzenschutz-Beratung nicht vollständig aufgeklärt werden. Ein Beispiel ist die Bienengefährlichkeits-Einstufung. Ein als B4 gekennzeichnetes Mittel gilt als „nicht bienengefährlich“ – viele Landwirte verlassen sich darauf und glauben, es sei völlig unbedenklich. Was dabei oft unerwähnt bleibt: Diese Einstufung gilt für das Einzelmittel. Ein Maßstab ist der LD₅₀-Wert – die Dosis, bei der die Hälfte der Testbienen sterben würde. Bei einem B4-Mittel wird dieser kritische Wert bei der empfohlenen Aufwandmenge nicht erreicht. Mischt der Landwirt jedoch zwei B4-Mittel im Tank, können sie sich gegenseitig verstärken und für Bienen deutlich gefährlicher werden – bis hin zu einer Wirkung, die eher einem bienengefährlichen B2-Mittel entspricht. Über solche Wechselwirkungen wird in der Beratung viel zu selten gesprochen.
Unser Weg: auf Augenhöhe
Genau deshalb reden wir Berufsimker jeden Tag mit den Landwirten – nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe. Wir müssen uns dieser Welt anpassen und sie Stück für Stück besser machen. Das gelingt nicht mit Schuldzuweisungen, sondern mit Wissen, Respekt und einem ehrlichen Miteinander – zum Wohl aller Bienen, der Honigbiene wie der Wildbiene.